In der historischen Dauerausstellung „Pommern / Pomorze – Land am Meer“ werden die Verbrechen der nationalsozialistischen Krankenmorde benannt. Die Texte und Fotos verweisen auf die frühe Gewalt ab 1934, auf die Deportationen 1939 bis zur sogenannten „Aktion T4“ unter anderem in Stralsund, aber auch in Lauenburg (Lębork), Stettin-Kückenmühle (Szczecin) und Treptow an der Rega (Trzebiatów).
Vertiefen lässt sich das Wissen in einer Publikation von der Medizinhistorikerin Dr. Kathleen Haack: „Vom ‚Anstaltsboom‘ zum NS-Krankenmord – Psychiatrie in Ueckermünde und Pommern im 19. und 20. Jahrhundert“. Die Veröffentlichung der Historischen Kommission für Pommern war Anlass für eine Annäherung an die Medizingeschichte in Pommern mit einem Fokus auf die Verbrechen der nationalsozialistischen Krankenmorde.
Am 28. April 2026 erfüllten Vorträge, Gespräche und Musik das Pommersche Landesmuseum. Frau Haack stellte eindrücklich die Ergebnisse ihrer Forschung zur Psychiatriegeschichte in Pommern vor. Sie vermittelte historische Grundlagen zur nationalsozialistischen Ideologie, die eine rassistische und vermeintlich gesunde Volksgemeinschaft propagierte. Diese menschenfeindlichen Ideen waren Antrieb für die Gewalt und Tötungen von Menschen in psychischen Ausnahmesituationen, mit psychischen sowie neurologischen Erkrankungen und Behinderungen. Frau Haack zeigte die Ausmaße der systematischen Tötungen auf und ging auf die spezifischen Verbrechen in Pommern ein. Noch vor der „Aktion T4“ wurden von November 1939 bis Februar 1940 kranke Menschen deportiert und ermordet. Die Verschleppung endete in Neustadt (Wejherowo), Piasnitz (Piaśnica) und Kosten (Kościan). Im Wald von Piasnitz erschossen Männer der SS über 1200 Menschen. In Kosten waren die Täter des „Sonderkommandos Lange“ für die Morde verantwortlich und töteten in Gaswagen. Der Namenspatron war Herbert Lange aus Vorpommern, der u.a. in Stralsund, Greifswald und Stettin lebte. Ein weiterer Täter war Franz Schwede-„Coburg“, der als Gauleiter von Pommern die Deportationen und systematischen Tötungen verantwortete.
An die im Nationalsozialismus gewaltvoll aus dem Leben gerissenen Menschen kann dank der Recherchen von Dr. Kathleen Haack mit Namen und Biografien erinnert werden. Dazu zählt auch Albertine Adloff aus Greifswald, die im Februar 1940 von Ueckermünde aus im Alter von 90 Jahren nach Kosten deportiert wurde.
Fast zeitlich zu den Forschungen von Frau Haack suchte Birgitt Rambalski nach den Spuren ihres Großvaters Walter Nordheim. In Ueckermünde traf sie sowohl auf Frau Haack als auch auf langersehnte Hinweise zu ihrer Familiengeschichte. In ihrem Vortrag ließ Frau Rambalski das Publikum an ihrer langen, schweren und doch hoffnungsvollen Suche nach ihrer Familiengeschichte teilhaben. Sie wuchs ohne ihren Großvater Walter auf und ertrug das Schweigen und die Leere um seine Person und seinen Tod während des Nationalsozialismus nicht. Durch akribische Recherchen fand sie schließlich im Archiv der ehemaligen Landesheilanstalt Ueckermünde die Krankenakte von Walter Nordheim und darüber hinaus vor allem endlich Gewissheit über seine Biografie und fassbare Zeugnisse seines Lebens. Walter Nordheim wurde 1943 nach Ueckermünde verlegt und dort vermutlich durch Verwahrlosung ermordet. Durch die Mühen von Frau Rambalski erinnert in Ueckermünde nun ein Gedenkstein an ihren Großvater.
Das anschließende Gespräch konnte durch die Anwesenheit und das Engagement von Mitarbeiterinnen des AMEOS Klinikums in Ueckermünde bereichert werden. Die Bedeutung der dortigen Unterlagen, aber auch des Archivs der Universität Greifswald und des Landesarchivs in Greifswald zeigen auf, wie wichtig und relevant eine Sicherung von historischen Quellen ist.
Als eine flüchtige Form des Erinnerns erklangen zum Abschluss des Abends Stücke von Luise Greger in Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde. Die Lieder sang Mechthild Kornow mit einer Begleitung am Klavier durch Olga Bille. Damit gedachten wir auch der Greifswalder Komponistin Luise Greger, die als betagte Frau durch Unterernährung 1944 ermordet wurde.
Ein großer Dank gilt allen Beteiligten des Abends, insbesondere den PraktikanInnen July Paula Klein und Alexander Reinermann, den Gästen und den Kooperationspartnern: der Kulturreferentin für Pommern und Ostbrandenburg, der Gleichstellungsbeauftragten der Universitäts- und Hansestadt Greifswald, dem Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Greifswald und der Gesellschaft für pommersche Geschichte, Altertumskunde und Kunst.
Text: Marie Lührs