Wann wird ein historisches Objekt mehr als ein Überbleibsel der Vergangenheit? Wann steigt ein Relikt zur Reliquie auf – zu einem Objekt, das Identität stiftet, Erinnerung bewahrt und weit über seinen materiellen Wert hinausstrahlt?
Mit diesen Fragen beschäftigte sich die 14. Konferenz der Sektion Volkstracht der Polnischen Ethnologischen Gesellschaft in Poznań am 11.-12. Juni 2026 unter dem Titel „Unikaty, relikty czy relikwie? Pojedyncze egzemplarze ubiorów jako świadkowie historii“ („Einzelstücke, Relikte oder Reliquien? Einzelne Kleidungsstücke als Zeugen der Geschichte“).
Unter den 38 Vorträgen fanden sich auch zwei Beiträge mit Bezug zu Pommern, die außergewöhnliche Objekte aus Museumsbeständen in den Mittelpunkt rückten.
Agnieszka Słowińska vom Muzeum Narodowe w Szczecinie widmete sich den Brustlatzen der Mönchguter Frauentracht auf Rügen. Die im Nationalmuseum Stettin bewahrte Einzelstücke gehören zu Relikten der pommerscher Kleidungskultur. Sie erzählen von regionalem Selbstbewusstsein und handwerklicher Kunst als sichtbarem Ausdruck sozialer Zugehörigkeit. Auf der Halbinsel Mönchgut bewahrt die Mönchguter Trachtengruppe die lokale Trachtenkultur und Frauen tragen den Brustlatz nur noch zu besonderen Anlässen.
Von der Ostseeküste führte der zweite Vortrag südöstliche von Szczecin/Stettin in die bäuerliche Kulturlandschaft des Pyritzer Weizackers. Kulturreferentin für Pommern und Ostbrandenburg Dorota Makrutzki stellte historische Strümpfe aus der Schenkung von Lina Bahlmann an das Pommersche Landesmuseum vor. Diese Einzelstücke entfalten bei näherem Hinsehen eine bemerkenswerte Geschichte: sie dokumentieren traditionelle Herstellungstechniken und bewahren zugleich die Erinnerungen einer Familie vor dem Hintergrund politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen über drei Generationen hinweg. Das rote Strumpfpaar aus der Schenkung diente als Vorlage für das Rekonstruktionsprojekt „Strick und Stick“.
Beide Vorträge verdeutlichten, dass museale Objekte oftmals die letzten erhaltenen Vertreter ihrer Art sind, während die Umstände ihrer Entstehung vielfach im Dunkeln liegen. Ihre besondere Ausstrahlung entsteht aus dem Zusammenspiel materieller Überlieferung, Erinnerungen und historischer Kontexte.
Die zweitägige Konferenz im Muzeum Kultur Świata w Poznaniu (Museum der Kulturen der Welt in Posen) brachte rund 70 Teilnehmende aus sechs Ländern (Polen, USA, Litauen, Tschechien, Ukraine und Deutschland) zusammen. In Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Partnern (Instytut Antropologii i Etnologii UAM, Instytut im. Oskara Kolberga w Poznaniu, Polskie Towarzystwo Ludoznawcze Oddział w Poznaniu) bot die Veranstaltung vielfältige Einblicke in historische Kleidungsstücke als Zeugnisse kulturellen Erbes.
Ein herzlicher Dank gilt den Organisatorinnen und Organisatoren für die gelungene Veranstaltung, die durch ihre vielfältigen fachlichen Perspektiven den Teilnehmenden bereichernde Einblicke ermöglichte.
Das Kulturreferat für Pommern und Ostbrandenburg setzt mit Kooperationspartnern zahlreiche Projekte im Bereich des immaterielen Kulturerbes um, und Textilien gehören zu den Schwerpunktthemen der Projektarbeit des Kulturreferats.