Gedenkfahrt nach Stralsund – Rückblick

Frühling auf dem Klinikumsgelände - Blick auf den Wasserturm. Foto: Dr. Katarzyna Sztuba-Frąckowiak
Auf dem Klinikumsgelände - Blick auf den Wasserturm. Foto: Dr. Katarzyna Sztuba-Frąckowiak

Am 29. April 2026 schloss sich an die Veranstaltung zur Geschichte der Psychiatrie in Pommern eine gemeinsame Exkursion zu ausgewählten Erinnerungsorten in Stralsund an. Zusammen mit eingeladenen Expertinnen und Experten fand ein Austausch statt, bei dem Erkenntnisse geteilt und offene Forschungsfragen diskutiert wurden.

An der Gedenkfahrt nahmen Dr. Kathleen Haack (Universitätsmedizin Rostock), Dr. Katarzyna Sztuba-Frąckowiak und Rafał Frąckowiak (Stiftung Gedenkstätte Obrawalde / Fundacja Miejsce Pamięci Obrzyce) sowie die Historikerin Marie Lührs (Pommersches Landesmuseum), Studentin July Paula Klein und die Kulturreferentin Dorota Makrutzki (Kulturreferat für Pommern und Ostbrandenburg) teil.

Die Gruppe wurde von Dr. Jan Armbruster vom Universitätsklinikum Greifswald auf dem Gelände des Helios Hanseklinikums Stralsund – Krankenhaus West empfangen und begleitet. Das Gelände an der Rostocker Chaussee 70 ist öffentlich zugänglich.

Das Areal der ehemaligen Pommerschen Provinzialheilanstalt Stralsund ist klar gegliedert: Eine zentrale Längsachse führt vom Wasserturm über die Kirche bis zum Friedhof und bildet das Rückgrat der Anlage. Vom Haupttor aus verläuft die Eingangsallee auf diese Achse zu und mündet in ein zentrales Rondell. Beidseitig der Hauptallee lagen die Bettenhäuser für Frauen und Männer, die durch unterirdische Gänge verbunden waren und dem Pflegepersonal als Wege dienten. Das Gelände erstreckt sich entlang der Rostocker Chaussee und der Bahnlinie Richtung Rostock, wobei zur Zeit des Anstaltsbetriebs kein direkter Bahnanschluss bestand. So wurden die 1939 deportierten Patientinnen und Patienten zu Fuß oder mit Pferdewagen zum Bahnhof gebracht.

An diese strukturelle Gewalt seitens der Ärzteschaft und die durchgeführten Tötungen in Verlegungsanstalten sowie Erschießungen im Piasnitzer Wald (Las Piaśnicki) erinnern die durch den Künstler Gunter Demnig 2014 auf dem Gelände und am Hauptbahnhof verlegten Stolperschwellen mit der Aufschrift: „Landesheilanstalt Stralsund – 1939. Von hier aus wurden 1160 psychisch kranke Menschen abtransportiert. Nov. 1939 – Westpreußische Anstalt – Dez. 1939 – Ueckermünde – Lauenburg/Pommern – Treptow/Rega – Ermordet in Piaśnica und Opfer der Aktion T4“.

Die Kirche auf dem Anstaltsgelände, auf einer Anhöhe gelegen und zweigeschossig gebaut, vereinte im Kellergeschoss die Funktionen eines Leichen- und Obduktionshauses. Im Kirchenraum hat der Förderverein der Klinikumskirche eine Skulptur von Margret Middell mit einem Spruch errichtet: „Es gibt kein lebensunwertes Leben. Zum Gedenken an die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verschleppten und ermordeten Patienten der ehemaligen Provinzialheilanstalt Stralsund. Klinikum der Hansestadt Stralsund und Förderverein Klinikumskirche. Im September 1996.“

Neben der Skulptur steht eine Kerze, und an der Wand wurden nachträglich Tafeln mit den Namen der Opfer angebracht. Der Gedenkraum ist würdevoll, wirkt lebendig und lädt zum Verweilen und zur Reflexion ein. Regelmäßig werden Gottesdienste oder Musikveranstaltungen durchgeführt, bei denen die Kerze im Gedenken an die Ermordeten angezündet wird.

Hinter der Kirche befindet sich der Friedhof der Anstalt, der durch einen Zaun und eine Infomationstafel markiert ist und für Spazierende offensteht. Die erhaltenen Grabsteine sind aktuell im Kellerraum der Kirche gelagert. Da die Kirche außerhalb von Veranstaltungen nicht zugänglich ist, wurden in der Nähe im Freien fünf informative Stahltafeln aufgestellt. Sie wurden 2013 durch den Leiter der Klinik Prof. Dr. Harald Jürgen Freyberger, den Oberarzt Dr. Jan Armbruster und den Geschäftsführer Dr. Dr. Jan Leister enthüllt. Auf den Tafeln sind die Namen der im Jahr 1939 deportierten und ermordeten Psychiatriepatienten und -patientinnen zu lesen und die Überschriften:

Verlegt in „Westpreußische Anstalt“ oder getötet in Piaśnica,
Verlegt nach Ueckermünde,
Verlegt nach Lauenburg,
Verlegt nach Treptow/Rega,
Verwahrt und vernichtet.

Eine weitere Skulptur von Thomas Radeloff wurde zum Gedenken an die Opfer der „NS-Euthanasie“ 2001 vor dem Haus 3 errichtet und geht auf die Initiative von Prof. Dr. Harald Jürgen Freyberger zurück. Sie zeigt eine abstrakte Form mit integrierten Metallstäben, die die Opfer symbolisieren, deren Namen damals noch nicht erforscht waren. Eine Tafel mahnt: „Es gibt kein unwertes Leben. Zum Gedenken an die deportierten und ermordeten Patienten dieses Krankenhauses.“

Die Exkursionsgruppe folgte nach dem Besuch des Klinikumsgeländes dem einstigen Weg der Deportierten zum Hauptbahnhof, wo sich in der verglasten Bahnhofshalle eine Stolperschwelle befindet. Anschließend führte der Weg zum ehemaligen Städtischen Krankenhaus Stralsund, heute Ärztehaus (Marienstraße 2–4). Dort erinnert ebenfalls eine Stolperschwelle an die im Nationalsozialismus durchgeführten Zwangssterilisationen.

Von dort ging die Gruppe in die Mönchstraße 38. In der Buchhandlung im Museumshaus fand ein Gespräch mit den Inhabern Peter und Katrin Hoffmann von der Strandläufer Verlagsbuchhandlung statt. Die Geschichte von Herbert Lange, der in Menzlin geboren wurde, in Greifswald Jura studierte und seine Kindheit in diesem Haus verbrachte, löste ein Gespräch über Täterforschung und Erinnerungskulturen in Polen und Deutschland aus. SS-Führer Herbert Lange war bereits am Vortag von Dr. Kathleen Haack im Hinblick auf seine Taten als Verantwortlicher für Massentötungen – unter anderem in mobilen Gaswagen – erwähnt worden.

An den verschiedenen Stationen konnte der Weg der Erinnerung nachvollzogen und die Geschichte des Gedenkens vor Ort nachgespürt werden. Dabei wurden zahlreiche Details vertieft und neue Informationen gewonnen. Insgesamt eröffnete der Austausch wichtige Anknüpfungspunkte für die weitere gemeinsame Forschungs- und Erinnerungsarbeit. Ein besonderer Dank gilt Dr. Jan Armbruster für die fachkundige Führung und die bereitgestellten Einblicke vor Ort.

Tipp: Das Helios Hanseklinikum veranstaltet regelmäßig Gedenkveranstaltungen am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Dabei wird der Opfer gedacht, ihre Schicksale werden sichtbar gemacht und ein Raum für Erinnerung, Austausch und kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte geschaffen.

Zur Geschichte der Klinikumskirche auf der Webseite des Fördervereins Klinikumskirche zu Stralsund.

Text: Dorota Makrutzki

Literatur: Jan Armbruster, Harald, J. Freyberger (Hrsg.): Verwahrung, Vernichtung, Therapie. Zum 100-jährigen Bestehen der stationären Psychiatrie auf dem Gelände des Krankenhauses West in Stralsund. Historisches und Erlebtes, Hamburg, 2012

Exkursionsgruppe auf dem Klinikumsgelände vor dem Wassertrum. Foto: Rafał Frąckowiak
Exkursionsgruppe auf dem Klinikumsgelände vor dem Wassertrum. Foto: Rafał Frąckowiak
Fünf Stahltafeln aufgestellt in Erinnerung an die Opfer der NS-Euthanasie. Foto: Marie Lührs
Gedenktafeln auf dem Gelände des Helios Hanseklinikums Stralsund – Krankenhaus West. Foto: Marie Lührs
Dr. Kathleen Haack und Dr. Katarzyna Sztuba-Frąckowiak mit Dr. Jan Armbruster vor den Gedenktafeln. Foto July Paula Klein
Dr. Kathleen Haack und Dr. Katarzyna Sztuba-Frąckowiak mit Dr. Jan Armbruster. Im Rahmen des Treffens kam es zu einem Erfahrungsaustausch zwischen den Forschenden. Dr. Sztuba-Frąckowiak übberreichte ihre aktuelle Veröffentlichung zur Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde. Foto: July Paula Klein
In der Strandläufer Verlagsbuchhandlung im Museumshaus, Mönchstraße 38 – die Inhaber Peter und Katrin Hoffmann. Foto: Dorota Makrutzki
Strandläufer Verlagsbuchhandlung im Museumshaus, Mönchstraße 38 – die Inhaber Peter und Katrin Hoffmann. Foto: Dorota Makrutzki