Bericht von Hanna Weißbrodt und Leni-Melinda Panschenko
Beim Aufenthalt in Kulice zum Anlass der internationalen Konferenz zum Thema „Wie schreibt man die Geschichte Pommerns in der Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reiches (1918-1945)? Ergebnisse der Geschichtsschreibung, Stand der Forschung und Forschungsansätze“ vom 26. bis 28. März 2026 bot sich die Gelegenheit, sich auch mit der Geschichte des Gutshauses und des Ortes selbst zu beschäftigen.
Die Geschichte von Kulice/Külz im Überblick
Der Ort Kulice/Külz liegt etwa vier km östlich der Stadt Nowogard/Naugard und charakterisiert sich durch den im Südwest-Teil der Ortschaft gelegenen Gutsparkkomplex mit dem heute erhaltenen Herrenhaus, Resten der Wirtschaftsgebäude und der Allee, die von der Hauptstraße zum ehemaligen Haupteingang des Hauses führt.
Das Dorf wird erstmals 1447 erwähnt, als es mit einer Größe von 54 Hufen und unter dem Namen Cultze dem Camminer Domkapitel unterstand.
Ab 1540 ist Külz als Familienbesitz der Familie von Dewitz, die ab 1261 belegt ist, verzeichnet. Der letzte männliche Dewitzsche Besitzer des Gutes war Stephan Bernd von Dewitz (1672-1728), der seinen Besitz aufgrund seiner verschwenderischen Lebensweise für 19.600 Taler verpfänden musste.
Im 18. Jahrhundert geriet Külz durch die Hochzeit der ältesten Tochter Stephan Bernds, Stephania Charlotte von Dewitz (1706-1735), mit August Friedrich von Bismarck bis 1945 in den Besitz der Familie von Bismarck.
1939 hatte das Gut Külz eine Fläche von 1.055 ha, auf welcher sich das Dorf, zwei Vorwerke, die Siedlung Zampelmühle, ein Sägewerk, ein Turbinenhaus, eine Stärkefabrik, Ställe und ein Forsthaus befanden. Außer dem bereits erwähnten Gutsparkkomplex und dem Dorf ist davon heute jedoch nichts erhalten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg befindet sich Kulice auf der polnischen Seite Pommerns. Bis Ende der 1970er Jahre fungierte das Gut als Zweigstelle der LPG Nowogard.
Seit 1995, also kurz nach der Gründung der Stiftung Europea Pomerania durch Philipp von Bismarck (1913-2006), die seit 2004 als Europäische Akademie Külz-Kulice tätig ist, dient das Gutshaus als Zentrum für deutsch-polnische Zusammenarbeit in Bildung und Vermittlung. In Besitz der Universität Sczcecin ist das Gebäude seit 2002.
Seit 2001 finden in Kulice wissenschaftliche und pädagogische Aktivitäten des internationalen Zentrums für interdisziplinäre Forschung (MOBI) statt, darunter Archäologie-Workshops und natürlich Konferenzen, wie die vom 26. bis 28. März 2026.
Das Herrenhaus und weitere wichtige Gebäude in Kulice/Külz
1848 begann Bernhard von Bismarck, Bruder von Otto von Bismarck, mit dem Bau des heute erhaltenen Gutshauses anstelle eines älteren Vorgängergebäudes, von dem noch der Keller erhalten ist. Noch im selben Jahr heiratete er seine zweite Frau Malwine und zog mit ihr in das noch unfertige Haus ein. Seine heutige Gestalt erhält das Herrenhaus im Laufe der zweiten Hälfte der 19. Jahrhunderts. Der schlichte, aber vornehme, klassizistische Bau ist als gutes Beispiel eines Sitzes des mittleren Adels im Ostseeraum anzusehen. Der Architekt des Hauses ist nicht namentlich bekannt.
Seit der Erbauung durchlebte das Gutshaus mehrere Bau- und Erweiterungsphasen, die letzte dieser Art Mitte der 1990er Jahre.
Ursprünglich war das eingeschossige Gebäude mit Walmdach etwa 41,50 m x 12,15 m groß. Die Südwestfassade und der Seitentrakt zur Hofseite mit dem heutigen Haupteingang entstanden als Erweiterungen der rechteckigen, ersten Bauphase. Erweitert wurde das Haus, weil die Familie Bernhards und Malwines von Bismarck mehr Wohnraum benötigte. 1882 entstand der Orangerie-Anbau.
Aufgrund der soeben beschriebenen vielen Umbauten des 19. Jahrhunderts und denen, die während der Gebäudenutzung in der Volksrepublik Polen oder der Anpassung an die Funktion als Tagungszentrum geschahen, ist die einstige Nutzung der Innenräume nur schwer nachzuvollziehen.
Beschreibungen von Zeitgenossen Bernhards von Bismarck zufolge war das Herrenhaus im Stil der Jahrhundertwende, also vorwiegend im Jugendstil, aber auch mit einigen antiken oder sogar „kitschigen“ Stücken eingerichtet. So wurde es als gemütliches, pommersches Herrenhaus mit gastlicher Atmosphäre empfunden.
Im Erdgeschoss des Haupthauses befanden sich das Arbeitszimmer des Hausherrn, der „große Salon“, das „Gartenzimmer“, der „kleine Salon“ und das „große Esszimmer“, im Dachgeschoss darüber waren die Schlaf- und Ankleideräume der Hausbesitzer.
Die Bäckerei, die Küche, die Speisekammer und die Gesindestube mit der Wohnung des Dieners darüber lagen im Ostflügel des Gutshauses. Dieser war über einen, nach 1945 abgerissenen, gläsernen Außenkorridor mit dem Westflügel verbunden.
Zum Gutshauskomplex gehörte auch eine Parkanlage, die ebenfalls von Bernhard und Malwine von Bismarck angelegt wurde. Sie umfasste einen Garten, einen fünf ha großen Landschaftspark, von dem aus eine Lindenallee zum Hauptgebäude führte, und die vierreihige Eingangsallee. Nach 1945 verwilderte die Anlage, die 1980 in das Denkmalregister der Wojewodschaft Westpommern aufgenommen wurde. Mit der Errichtung des Tagungszentrums wurden Guts- und Parkgelände geteilt. Die restliche Gutsanlage mit Feldern, Verwalterhaus und Kornspeicher übernahm die Treuhand für landwirtschaftliches Eigentum im Staatsbesitz.
Nach der Fertigstellung des Gutshauses in Külz stiftete die Familie von Bismarck im 19. Jahrhundert den Bau einer neuen und größeren Kirche für die wachsende Gemeinde, der die Feldsteinkirche aus der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts langsam zu klein wurde. Seitdem Kulice zu Polen gehört, ist diese neoromanische Kirche dem heiligen Antonius geweiht. Errichtet wurde sie, im preußischen Stil, aus glatt bearbeiteten Feldsteinen und Backstein, auf einem rechteckigen Grundriss. Auch der Architekt der Kirche ist unbekannt. Im Inneren der Kirche befindet sich noch heute das originale, rotbraune Holzgestühl sowie das Wappen Bernhards und Malwines mit dem Datum der Fertigstellung, 1865.
Der alte Kirchfriedhof von Külz wurde in den 1970er Jahren aufgelöst, bevor auf Initiative von Lisaweta von Zitzewitz zwischen 2001 und 2004 ein Lapidarium aus Grabsteinen angelegt wurde, die in der Umgebung erhalten waren. Als einziges neues Element befindet sich dort auch ein Gedenkstein für die Familie von Bismarck.
Die Familie von Bismarck und Kulice/Külz
Die Stendaler Familie von Bismarck findet erstmalig im 13. Jahrhundert Erwähnung. Sie besitzen ein Lehen in der Altmark.
Durch die Heirat des Militärliebhabers August Friedrichs von Bismarck und Stephania Charlottes von Dewitz gingen auch die Dörfer Kniephof, Jarchlin und Külz in das Lehen der Bismarcks über. Ihren ersten pommerschen Wohnsitz bezog die Familie in Kniephof.
Dorthin zogen 1816 auch Ferdinand und Wilhelmina von Bismarck mit ihren beiden Söhnen, Bernhard und Otto. Nach dem Tod seiner Frau überließ Ferdinand diesen die Verwaltung seines Besitzes in Kniephof, Jarchlin und Külz. Nach Anfangsschwierigkeiten konnten Bernhard und Otto durch große Sparsamkeit und ihre Erfahrungen im Staatsdienst ihre Lage stabilisieren. Nach dem Tod Ferdinands von Bismarck 1845 teilte das Bruderpaar das Erbe untereinander auf, die Güter blieben im Familienbesitz.
Bernhard, Jurist und seiner Heimat stärker verbunden als sein Bruder Otto, wählte Külz und Jarchlin als Sitze seiner Familie aus. Er lehnte die Beförderung zum Oberpräsidenten ab und besetzte das Amt des Landrats des Kreises Naugard von 1841 bis 1887. Danach war er jeweils für ein Jahr Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses und Vertreter der Konservativen Partei des Kreises Naugard-Regenwalde. 1840 bis 1888 war er außerdem Mitglied des pommerschen Provinziallandtags.
Der letzte bismarcksche Besitzer von Kulice/Külz war Philipp von Bismarck (1913-2006). Er studierte Rechts- und Politikwissenschaften und promovierte 1950 in Nationalökonomie. 1969 bis 1979 war er Mitglied des Deutschen Bundestages und 1978 bis 1989 des Europäischen Parlaments. In seiner Zeit als Sprecher der Pommerschen Landsmannschaft, von 1979 bis 1990, setzte er sich für die Deutsch-Polnische Aussöhnung ein und gründete 1993 die Stiftung Europea Pomerania.
Heute ist im Gutshaus Międzynarodowy Ośrodek Badań Interdyscyplinarnych der Universität Szczecin in Kulice (Internationales Zentrum für interdisziplinäre Studien der Universität Szczecin in Kulice/Külz, MOBI US) untergebracht.
Die Konferenz wurde von Dr. Paweł Migdalski vom Historischen Institut und dem MOBI organisiert. Aus Greifswald nahmen Historikerin Marie Lührs sowie die Praktikantinnen des Museums Hanna und Leni an der Tagung teil.
Kontakt MOBI US: Kulice 24, Kulice, Poland, https://kulice.usz.edu.pl/de/