140 Jahre nach Rudolf Virchows Besuch auf Rügen treffen sich Museen aus Göhren und Stettin zum Austausch über Trachten, Sammlungen und gemeinsame Perspektiven.
„Mit Rudolf Virchow begann die Sammeltätigkeit der Mönchguter Trachten für Museen“, sagte Museumsleiter Jörn Kleinhardt zur Begrüßung der Besprechungsrunde im Heimatmuseum Göhren. Gemeinsam mit Denny Neumann, Agnieszka Słowińska vom Nationalmuseum Stettin (Museum Narodowe w Szczecinie) und Kulturreferentin Dorota Makrutzki ging es um historische Sammlungen und ethnografische Quellen in Göhren und Stettin. Das Kulturreferat für Pommern und Ostbrandenburg brachte die beiden Museen zusammen. Im Mittelpunkt standen die Trachten- und Textilgeschichte Pommerns sowie Perspektiven für eine zukünftige Zusammenarbeit.
Der Austausch auf Mönchgut bietet Anlass, auf eine historische Begegnung vor 140 Jahren zurückzublicken: 1886 tagte die Deutsche Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte unter dem Vorsitz von Rudolf Virchow in Stettin. Im Anschluss wurde eine Studienreise nach Rügen unternommen. Auch Mönchgut stand damals auf dem Programm: Am 14. August 1886 machte die Tagungsgesellschaft Halt in Göhren und nahm die Tracht der Mönchguter in Augenschein. Dr. W. König schilderte die Rügenfahrt für die Neue Stettiner Zeitung in einem unterhaltsamen Bericht. Er lässt die Reise und den Besuch auf Mönchgut lebendig werden. Der Text wurde auch im Correspondenz-Blatt der deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte abgedruckt und ist als Digitalisat auf Archive.org verfügbar:
„Am Morgen des 13. August gegen 6 Uhr dampfte die von dem Komitee des Anthropologen-Kongresses zur Verfügung gestellte „Princess Royal Victoria“ mit nahe an hundert Personen, unter denen sich viele Damen befanden, bei schönstem Wetter die Oder hinab: der Insel Rügen, dem „Kleinod eingebettet in die Silbersee“, das als reichste Fundgrube prähistorischer Schätze für die Anthropologie eine besondere Bedeutung bat, sollte ein zweitägiger Besuch gemacht werden. Die Fahrt durch Oder und Haff verlief aufs glücklichste. Das freundliche Swinemünde, in dem noch einige Personen aufgenommen wurden, war nach kurzem Aufenthalt passiert und dann ging es hinaus in die weite See, die wie ein silberner Spiegel dalag im Glanz der leicht verschleierten Sonne, vorüber an Ahlbeck, an dem in dunkles Grün eingebetteten weiss leuchtenden Heringsdorf, bis endlich in weiter Ferne in bläulichem Schimmer die Küste des Eilandes auftauchte. Unter der Fahrt gen Westen herrschte die fröhlichste und angenehmste Stimmung; die in Stettin gemeinschaftlich verlebten und anregenden schönen Tage boten Stoff genug zu heiterem Geplauder; die Gäste aus dem Süden und Westen, denen die Seefahrt ein neuer oder seltener Genuss war, erfreuten sich an dem herrlichen Bilde von der Brücke des Dampfers und lauschten den Mittheilungen und Aufschlüssen, die Capitän Mützell bereitwillig erteilte. Immer mehr kam die Küste in Sicht, immer deutlicher erkennbar wurden die grünbedeckten Kreidefelsen, die so malerisch und großartig aus der blauen Flut aufsteigen; bald nach 2 Uhr konnte der Dampfer sein Signal vor Stubbenkammer ertönen lassen, um die Böte, welche die Gesellschaft ans Land setzen sollten, herbeizurufen. Das Ausböten ging, da die See, wie gesagt, spiegelglatt dalag, ohne die geringsten Schwierigkeiten von statten und bald klommen denn auch im hellen Sonnenschein die Reisegefährten den steilen Aufstieg zwischen Gebüsch und Buchengrün empor zur Stubbenkammer, gar oft Halt machend und an dem herrlichen Bilde, das sich dem Auge darbot, sich erquickend. Mancher Ruf ächten Entzückens ward laut, als vom Königsstuhl, 133 Meter über dem Meeresspiegel die wie eine riesige silbergraue Wand zum Horizont aufsteigende See, über welche die Sonne sprühende Diamanten verschwenderisch hingestreut hatte, vor dem Auge dalag, während rechts und links die gigantischen Kreidefelsen mit ihren schroffen Graten, mit dem satten leuchtenden Grün ihrer Buchenkrönung hinaufstiegen in die schwindelerregende Tiefe bis zu dem steingeröllbedeckten Strande, auf dem die stattlichen Fischerböte aussahen wie winziges Spielzeug. Diese Stelle gehört vielleicht zu den herrlichsten Aussichtspunkten der Welt und es kostete gar Manchem, der zum ersten Male dieses Wunderbild gesehen, einen schweren Entschluss, sich loszureißen. In dem freundlichen Gasthaus oben galt es zunächst, sich ein wenig von der immerhin beschwerlichen Wanderung zu erfrischen und sich ein Unterkommen für die Nacht zu sichern. Fast alles, was an Zimmern und Betten vorhanden, war von dem Comité in Beschlag genommen: trotzdem machte die Quartierverteilung ganz erhebliche Schwierigkeiten und so Mancher sah mit trüber Ahnung dem entgegen, was ihm in dem „Massengrab“ mit einem halben Dutzend Schlafgefährten die Nacht bringen würde, ohne dass dadurch die gute Laune im Mindesten beeinträchtigt wurde. Mancher zog es freilich vor, durch eine Fahrt nach Sassnitz sich bequemes Unterkommen zu sichern, die meisten hielten aus und wurden dadurch belohnt, dass sich die Sache schließlich noch besser machte als vorauszusehen war und auch ihre vergnüglichen Seiten hatte. Gegen ½ 5 Uhr theilte sich die Gesellschaft. Der eine Theil, der Rügen und Stubbenkammer noch nicht kannte, wanderte durch den herrlichen Buchenwald, die Stubbnitz, nach dem waldumkranzten schönen Herthasee, zum Opferstein und zur Herthaburg, dem mächtigen Burgwall von fast 300 Meter Umfang, um von dort nach halbstündiger Wanderung die andere Gesellschaft wieder zu erreichen, die unter Leitung des verdienten Stralsunder Museumsdirektors Herrn Dr. Baier inzwischen an verschiedenen Stellen Ausgrabungen begonnen hatte. Leider waren in der Disposition einige Missverständnisse vorgekommen, die erste Gesellschaft konnte die Schatzgräber nicht finden; man wanderte her und hin im schönen Buchenwalde, das Gebiet wurde nach allen Richtungen hin durchstreift und erst nach anderthalb Stunden, als die Ausgrabung fast schon beendet war, gelang es denen, die noch nicht die Parthie aufgegeben hatten, an Ort und Stelle zu gelangen und die Grabstätten zu besichtigen. Die Durchforschung derselben, an der sich die Herren Virchow, Reichsantiquar Hildebrandt ans Stockholm, Olshausen, Tischler u. a. betheiligt hatten, ergab übrigens außer Urnenscherben nur einen allerdings höchst interessanten Bronzeknopf; derselbe wurde von Frau Kammerherr v. d. Lancken, auf deren Gebiet er gegraben worden und die sonst sich das Gefundene vorbehalten hatte, dem Stralsunder Museum geschenkt. Die Stimmung konnte durch die vergebliche Jagd der Gesellschaft nach den Schatzgräbern und der Schatzgräber nach den Schätzen nicht beeinträchtigt werden; war doch der zweistündige Spaziergang im schönen Walde eine wahre Erquickung und wissen die Fachmänner von vornherein, dass die Erde nur ungern und selten die Schätze der Vorzeit hergebt, wenn programmmäßig gegraben wird. Im Hotel wurde hierauf Rast und nach Möglichkeit ein wenig Toilette gemacht; dann ging es um 8 Uhr abends zu Tische und dem Kalbsbraten und dem Wein und Bier wurde nach den Erlebnissen des Tages, den Wanderungen in Wald- und Seeluft, wacker zugesprochen. Ein Theil der Gesellschaft begab sich zur Ruhe, ein anderer, der Grund hatte zur Annahme, dass ihm so wie so nur wenig von den goldenen Gaben des Schlafes zu Theil werden würde, zog es vor, in heiterer Geselligkeit bis zu späterer Stunde wach zu bleiben.“
„Am Sonnabend früh 7 Uhr wurde aufgebrochen zur Wanderung nach Sassnitz; wem dieselbe zu lang und beschwerlich, der nahm sich Wagen und kam dadurch leichter und schneller ans Ziel, verlor aber entschieden viel, denn diese dreistündige Wanderung am Strande entlang gehört sicher zu den schönsten Erinnerungen dieses Ausfluges. Die Riesenwände und Felsmassen des Ufers verschieben sich bei jeder Wendung des Pfades und immer neue wunderbare Aussichten und Landschaftsbilder von berückender Schönheit in Formen, Linien und Farben kommen so zu Stande, an denen sich das Auge nicht satt sehen kann. Durch das helle Buchengrün schimmerte die Morgensonne, von der Tiefe dröhnte das Rauschen der See empor, von oben klang der schrille Pfiff einer Weihe: es musste ein sehr stumpfes Menschenkind sein, dem dabei das Herz nicht aufging und das nicht hätte aufjauchzen mögen über all die Herrlichkeit umher. Ueber die Waldhalle, wo kurze Rast gemacht wurde, ging es so weiter, bis einzelne parkartige Anlagen die Nähe von Sassnitz kündeten und der Weg ganz tief zum Strande hinab steigt. Bald erheben sich die weissen Häuser und Villen von Sassnitz, über einander gebaut auf einer vom Strande sanft aufsteigenden Lehne; ein langgezogener Ruf des Heulers vom Dampfer her, der auf der See in kurzer Entfernung vom Steg liegt, mahnt zur Eile. Der Wind ist schärfer geworden, die See hat lebhafteren Gang, endlich ist Alles wieder sicher auf der „Princess Royal“ untergebracht, der Dampfer dreht und rauscht in frischer Fahrt durch die dunkelgrünen Wellen. Das Schiff stampft etwas und ein leiser Ausdruck von, wie es sich bald zeigte, nicht ganz unbegründeter Besorgniss erscheint auf manchem Gesicht.“
„Weiter geht die Fahrt, die Küste entlang; gegen Mittag ist das Schiff in der Nähe von Gören angelangt; dort wird ausgestiegen und emporgewandert zu einer hochgelegenen Gastwirthschaft, wo unter dem Schatten mächtiger Bäume durch freundliche Vermittlung des Herrn Amtsrath Schirp eine Anzahl von Mönchguter Fischern mit Frauen und Kindern in ihrer farbigen und interessanten, leider immer mehr verschwindenden Tracht in Augenschein genommen werden. Von dort aus führte der Dampfer die Gesellschaft weiter um Thiessow herum nach Lauterbach. Inzwischen hatte sich der Himmel verdunkelt, ein scharfer Regenguss rauschte nieder und schonte weder die Gäste, noch das in Lauterbach beim Anlegen sie empfangende Putbuser Comité, das die Gäste zu den bereitstehenden, vom Fürsten von Putbus gestellten Wagen geleitete, in denen man nach dem fürstlichen Park und zu der in demselben belegenen grossen Halle geführt wurde, wo Mittagessen bestellt war. Der Fürst begrüsste selbst den Vorstand der Gesellschaft und nahm an dem Mahle Theil, bei dem er an der Seite des Herrn Geheimrath Virchow saß. Letzterer begrüßte Namens der Gesellschaft den Fürsten in längerer Rede; der Fürst erwiderte, indem er auf das Wohl der Gesellschaft trank, die er sich freue auf Rügen’schem Boden zu sehen. Dass dies ernst gemeint war, zeigte sich bald; in liebenswürdigster Art hatte der Fürst die Erlaubniss zum Besuch des prächtigen ächt fürstlichen Wohnsitzes gegeben, den er sich neu hier errichtet, und mit Bewunderung durchwanderte man die Räume des Schlosses, in denen ein feiner Kunstsinn kostbarste Seltenheiten zu einem durchaus harmonischen und behaglich wirkenden Ganzen zusammengestellt. Marmorstatuen, alte Kunstschränke, darunter der herrliche berühmte Wrangelschrank, — wertvolle Möbel, herrliche alte Teppiche, eine Credenze mit altem wundervollen Silbergeschirr, getriebenen Schüsseln, Humpen, Kannen bis zur Decke beladen, alte Rococo-Commoden, italienische Renaissancemöbeln in Elfenbein und Ebenholz, Bronzen, schöne Bilder — Alles war mit sicherem künstlerischem Geschmack gewählt, jedes einzelne Stück verdiente besondere Aufmerksamkeit und nur mit Mühe vermochte man sich loszureissen, als zum Aufbruch gemahnt wurde. Die Wagen fuhren nach Lauterbach zurück und der Dampfer wurde gegen 7 Uhr zur Weiterfahrt nach Stralsund bestiegen. Der Wind hatte sich inzwischen gelegt, die See war glatt and so war alles glücklich und guter Dinge, als gegen ½ 10 Uhr die wundervolle Silhouette der alten interessanten Hansestadt am monddurchleuchteten Abendhimmel sichtbar wurde. Für Quartiere hatte die Stralsunder Festkommission, an deren Spitze Herr Ratsherr Brandenburg die Ankommenden persönlich am Bollwerk begrüsste, gesorgt; alle Hotels waren an diesem Abend bis auf das letzte Zimmer besetzt. Den Abend verbrachte man in anregender Geselligkeit im „Hotel zum Löwen“, dem schönen Rathhause gegenüber auf dem Markte, der im herrlichen Mondschein mit seinen alterthümlichen Architekturen Jedermann entzückte. Auch eine kleine Beleuchtung der Kirche und des Rathhauses war veranstaltet. Mitternacht zogen sich die meisten zurück, um der Ruhe zu pflegen und sich von den vielen Eindrücken, die der schöne aber anstrengende Tag gebracht, zu erholen; die Fraktion der Unverwüstlichen nächtigte noch eine Weile unter den Gewölben des Ratskellers bei Stralsunder Bier und heiteren und ernsten Reden und einer Anzahl von Salamandern zu Ehren aller möglichen Faktoren, die an der so wohl gelungenen Expedition betheiligt waren.“
„Sonntag Morgens 8 Uhr fand man sich wieder zusammen in den Räumen des Museums, wo Herr Dr. Baier die Honneurs machte und das durch den verblüffenden Reichtum zunächst an prähistorischen Sachen in Stein und Bronze, dann aber durch die Fülle sonstiger interessanter Gegenstände aus allen Zweigen der Kunst- und Kulturgeschichte, des Kunstgewerbes etc. und die zweckmäßige und hübsche Anordnung hervorragende Beachtung verdient. Die Gelehrten gingen denn auch bald an die Arbeit und überall sah man notiren und zeichnen, vergleichen, untersuchen, bis gegen 10 Uhr zu einem Trunk und Frühstück gerufen wurde, den gastfrei das Museum bot und bei dem der Rhein- und Portwein und frisches Pschorrbräu-Bier trefflich mundete. Dr. Baier begrüsste in warmen Worten im Namen des Museums die Gäste und trank auf das Wohl der grossen Männer, die er unter ihnen hier begrüsse, speziell der Fremden, in deren Namen der Engländer Herr Evans in deutscher Sprache dankte. Geheimrath Virchow brachte ein Hoch auf Dr. Baier aus, dessen Verdienste um das Museum er rühmend hervorhob. Namens der Stadt sprach Herr Bürgermeister Franke. Der eine Theil der Gesellschaft besichtigte darauf die Kirchen und baulichen Schätze der Stadt unter Führung des Herrn Stadtbaurath von Habelberg, andere setzten die Studien im Museum fort. Um 1 Uhr war im Hotel zum Löwen das Fest- und Schlussmahl, bei dem Herr Dr. Baier das Hoch auf die anthropologische Gesellschaft ausbrachte. Herr Geheimrath Schaaffhausen brachte das Wohl derer aus, die sich um das Zustandekommen des Congresses verdient gemacht hatten, das Direktorium und die beiden Comités von Stettin und Stralsund. Herr Dr. Baier toastete auf Herrn W. H. Meyer, den Stettiner Festordner, Professor Virchow auf die Damen, Herr Weismann auf das Gedeihen der anthropologischen Gesellschaft. Dann folgte ein rascher Abschied; ein Theil der Gesellschaft, der das Schiff zur Rückfahrt benutzen wollte, musste aufbrechen, da dasselbe um 3 Uhr abfahren sollte; die Anderen benutzten bald darauf die einzelnen Züge. Manch herzliches Wort wurde rasch getauscht, dann schied man; in alle Winde zerstreute sich die Gesellschaft, die eine Reihe von anregenden Tagen gemeinschaftlich durchlebt und manche werthe Verbindung neu geknüpft hatte.“
„So endete dieser ausgezeichnet gelungene Congress. Auf Wiedersehen in der ehrwürdigen Reichsstadt Nürnberg!"