Studienbesuch in Gdańsk/Danzig

Blick in die Ausstellung - im Vordergrund Passbilder der Soldaten. Foto: Marie Lührs
Blick in die Ausstellung. Foto: Marie Lührs

Einwohner Danzig-Westpreußens in der Armee des Dritten Reichs – so lautet der Untertitel einer Ausstellung, die sich einem bislang wenig beachteten historischen Themenkomplex widmet. Auf rund 200 Quadratmetern zeigt das Stadtmuseum Gdańsk (Muzeum Gdańska) die Geschichten und Schicksale überwiegend zwangsrekrutierter Bürger aus der durch die nationalsozialistische Wehrmacht besetzten Freien Stadt Danzig sowie der polnischen Wojewodschaft Pommerellen (Województwo Pomorskie der Zweiten Polnischen Republik). Der Obertitel der Ausstellung „Nasi chłopcy“ [Unsere Jungs] verdeutlicht die gewählte Perspektive. Diese Formulierung und die Kuration sorgten landesweit in Polen für heftige Diskussionen.

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Museum des Zweiten Weltkrieges in Gdańsk und mit dem Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Andrzej Hoja und Janusz Marszalec kuratierten die Ausstellung, die bis zum 10. Mai 2026 in der Galeria Palowa (Pfahlgalerie) im Rechtstädtischen Rathaus (Ratusz Głównego Miasta) in Gdańsk (Danzig) zu sehen ist.

Die Ausstellung veranschaulicht die Politik des Nationalsozialismus in den besetzten Regionen Polens. Die Ausstellungsmacher stellen die rassistische Staatsbürgerschaftspolitik gegenüber der lokalen Bevölkerung ausführlich dar. Sie bildete die Grundlage für die massenhaften Rekrutierungen und war zugleich integraler Bestandteil des nationalsozialistischen Herrschafts- und Vernichtungsapparates. Die deutsche Besatzung zwang die Bewohner*innen mit der „Deutschen Volksliste“ in völkische Kategorien. 

Die militärischen Strukturen sowie der Alltag der Soldaten werden in der Ausstellung differenziert und anschaulich dargestellt. Anhand ausgewählter Lebensläufe wird ein Licht auf persönliche Werdegänge, strukturelle Zwänge und individuelle Handlungsmöglichkeiten geworfen. Die Ausstellung präsentiert zudem grafisch aufbereitete Erhebungen, die das Ausmaß der Einberufungen in die Armee in dieser Region in einen größeren historischen Kontext einordnen. Es wird geschätzt, dass etwa 90.000 ehemalige polnische Staatsbürger, die in die Volksliste aufgenommen wurden, aus dem Reichsgau Danzig-Westpreußen in die Wehrmacht einberufen wurden. In der Schau werden zahlreiche private und museale Leihgaben gezeigt wie Soldatenausstattung, Dokumente, Feldpostbriefe sowie persönliche Erinnerungsstücke in Form von Fotografien, Fotoalben und Tagebüchern. Auch der Umgang der Überlebenden mit ihrer Vergangenheit nach dem Ende des Krieges wird thematisiert.

Die Fragen der Mitwirkung und moralischer Ambivalenzen werden im offiziellen Geschichtsnarrativ oftmals marginalisiert. In der Ausstellung „Nasi chłopcy“ werden diese Themen in feinfühliger und vielschichtiger Weise aufgegriffen. Der Besuch der Ausstellung fördert die Auseinandersetzung mit der deutsch-polnischen Geschichte, schärft das Bewusstsein für vielschichtige Täter-Opfer-Konstellationen und stärkt den grenzüberschreitenden Dialog über Erinnerungskultur.

Die Gruppe aus Greifswald und Lüneburg (bestehend aus Professor Mathias Niendorf, Marie Lührs, Agata Kern und Dorota Makrutzki) wurde in Gdańsk am 20. Februar 2026 von Andrzej Hoja empfangen. Dies ermöglichte einen regen fachlichen Austausch zu museologischen und erinnerungskulturellen Fragestellungen, zum Forschungsstand, Quellenlage und Formen der musealen Darstellung. Ergänzend besuchten die Teilnehmenden das Museum des Zweiten Weltkrieges sowie weitere regionale Museen und wissenschaftliche Buchhandlungen.

Am 14. März 2026 erschien der Ausstellungskatalog. Erhältlich im Online-Shop des Museums des Zweiten Weltkrieges in Gdańsk. Der Katalog ist zweisprachig, polnisch und englisch: „Nasi chłopcy. Mieszkańcy Pomorza Gdańskiego w armii III Rzeszy / Our boys. The inhabitants of Gdańsk Pomerania in the army of the Third Reich”.

Der Studienbesuch wurde als Projekt des Kulturreferats für Pommern und Ostbrandenburg in Kooperation mit der Kulturreferentin für Ostpreußen und das Baltikum umgesetzt und aus den Mitteln des Bundesministeriums des Innern gefördert.

 

 

Reisegruppe in der Ausstellung vor einer Kunstinstallation mit Feldpostbriefen.
Reisegruppe in der Ausstellung.