Zwei reich bestickte Strumpfpaare in Blau und Rot bereichern seit Kurzem die Sammlung des Pommerschen Landesmuseums. Als Schenkung aus Familienbesitz ins Museum gelangt, stellen sie ein seltenes Zeugnis ländlicher Textilkunst aus der Region Pyritz dar.
Die Strümpfe – ebenso wie ein zweiseitig gestaltetes Schultertuch – stammen aus dem Nachlass von Lina Bahlmann, geb. Schwarz (1899–1978). Sie entstammen der bäuerlichen Lebenswelt einer Familie, die bis 1945 im Landkreis Pyritz ansässig war. Ob Lina die Stücke selbst trug – etwa in ihrer Jugend in Isinger (Nieborowo) oder später nach der Heirat mit Kurt Bahlmann in Alt Grape (Stare Chrapowo) – oder ob sie bereits ihrer Mutter als Festkleidung dienten, lässt sich heute nicht mehr eindeutig klären.
Sicher ist jedoch, dass diese Textilien innerhalb der Familie als Erbstücke bewahrt wurden. Ihre Herstellung lässt sich nur grob in die Zeit zwischen etwa 1900 (oder früher) und 1920 datieren. Ebenso bleibt offen, ob die qualitativ hochwertig ausgeführten Arbeiten in häuslicher Handarbeit entstanden oder als Auftragsarbeit von einer ortsansässigen Schneiderin gefertigt wurden. Beide Strumpfpaare befinden sich in sehr gutem Erhaltungszustand; lediglich das aus rotem Wollgarn gestrickte Paar weist leichte Gebrauchsspuren auf.
Beide Strumpfpaare aus dem Nachlass von Lina Bahlmann, die nach 1945 in Mecklenburg lebte, sind aus Wollgarn gestrickt und beidseitig symmetrisch entlang von Fußspann und Wade mit floralen beziehungsweise geometrischen Stickereien im Plattstich verziert. Die Motive sind in Rapporten angelegt und schließen jeweils in einer zentralen Dekoration um eine stilisierte Tulpe ab. Die dunkelblauen Strümpfe sind mit Stickereien aus hellblauem Garn verziert; die roten Strümpfe tragen eine bunte Stickerei in kräftigen Farben – Blau, Grün, Lila, Orange, Gelb, Schwarz und Weiß. Nach Lina Bahlmanns Tod erbte ihre Nichte, mit der sie eine enge Beziehung verband, die textilen Stücke. Als persönliche Erinnerungsstücke bewahrt, dekorierten die Strümpfe und das Tuch über Jahrzehnte die Wände ihres Hauses.
Der Pyritzer Weizacker südöstlich von Stettin (Szczecin) ist eine historisch gewachsene Kulturlandschaft mit eigenständiger bäuerlicher Prägung. Bräuche und textile Ausdrucksformen entfalteten hier eine besondere Pracht: Charakteristisch für das Festgewand einer Pyritzerin waren großflächige florale Ornamente und eine lebendige Farbigkeit. Von Kopf bis Fuß waren Frauen in aufwendig bestickte Teile gekleidet. Die Wirkung vervollständigten neben Strümpfen weitere Accessoires wie Strumpfbänder, Pantoffeln, Handstulpen, Bänder, Halskrause, Schultertuch, Schürze, Schmuck, Tasche, Haube oder Strohhut und ein Muff.
Mit der staatlichen Konsolidierung Deutschlands gewann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Interesse an sogenannten Volkstypen deutlich an Bedeutung. Albert Kretschmers 1870 erschienene Publikation „Deutsche Volkstrachten“ nahm die Weizackertracht in den Kanon der nationalen Trachten auf. Mit der Entstehung der Volkskunde wurde Weizacker zum Gegenstand der Forschung. Volkskundler Robert Holsten und Walter Borchers sowie der Maler August Ludwig Most haben sich um die Dokumentation des Gewandes verdient gemacht. Schließlich begannen auch Museen die Trachten als volkskundliche Objekte zu sammeln und legten damit die Grundlagen für ihre Volkstrachtensammlungen. Nach der Instrumentalisierung während der Zeit des Nationalsozialismus und den tiefgreifenden Umbrüchen infolge des Zweiten Weltkriegs – insbesondere Vertreibung und Verschiebung der Staatsgrenzen – befassten sich nun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Volksrepublik Polen mit der Weizackertracht, indem sie die mögliche slawische Herkunft verstärkt betonten. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts nahm ein vom Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) in Oldenburg initiiertes Forschungsprojekt unter der Leitung von Kurt Dröge die Weizackertracht erstmalig kritisch in den Blick.
Ein Workshop mit Connie „Wockensolle“ Müller-Gödecke und Agnieszka Kaczmarska am 21. und 22. März 2026 nimmt diese Strümpfe in den Fokus und nähert sich – ausgehend von den Originalen – ihrer Geschichte sowie den handwerklichen Techniken.
Zur Veranstaltungsakündigung
Das Kulturreferat für Pommern und Ostbrandenburg setzt mit Kooperationspartnern zahlreiche Projekte im Bereich des immaterielen Kulturerbes um, und Textilien gehören zu den Schwerpunktthemen der Projektarbeit des Kulturreferats. Durch den Einsatz der Kulturreferentin Dorota Makrutzki konnten gemeinsam mit den Angehörigen der Familie wichtige Informationen zur Geschichte der Schenkung festgehalten werden.
Text: Dorota Makrutzki
Online-Redaktion: Marie Lührs, Julia Kruse
Über die Rubrik: Neu im Museum
Unter dieser Rubrik stellt das Pommersche Landesmuseum regelmäßig neue Objekte vor: Leihgaben, Schenkungen oder Ankäufe aus den verschiedensten Bereichen der pommerschen Kultur, Kunst und Geschichte. Hier erwarten Sie spannende Einblicke in unsere Ausstellungen, Archive und Depots. Viel Spaß beim Lesen!