Unter der fachkundigen Anleitung der Textilexpertin Hildegund (Gundel) Hergenhan entstanden im Rahmen des Workshops „Weben mit Kamm“ (27. - 28. September 2025) individuelle, mit dem Webkamm gefertigte Textilstücke. Ob als dekorative Borten, Gürtel, Lesezeichen oder modische Accessoires – sie spiegeln nicht nur die handwerkliche Vielfalt dieser alten Technik wider, sondern auch die Kreativität und den persönlichen Ausdruck der Webenden.
Zum Abschluss zeigten die Teilnehmenden in einer Pop-up-Ausstellung ihre handgefertigten Arbeiten. Die Präsentation bot nicht nur Raum für den Austausch über Techniken und Gestaltung, sondern auch für persönliche Gespräche über die kulturellen und biografischen Hintergründe. Teilnehmende aus Deutschland und Polen stellten ihre Arbeiten vor und gaben Einblicke in ihre Motivation und den Entstehungsprozess.
Hildegund Hergenhan, geboren 1938 in Stettin, engagiert sich seit vielen Jahrzehnten für die Weitergabe traditioneller Webtechniken. Ihre Verbindung zur Webkunst reicht viele Jahrzehnte zurück. „Zum ersten Mal kam ich mit dem Bandweben als Kind in Berührung – das war 1943/44 in Bergland (heute Bystra) bei Stettin“, erinnert sie sich. Nach der Flucht fehlte Werkzeug und Rohstoff - improvisiert, mit geliehener Ausrüstung und „Wolle von den Zäunen“ wurden die ersten Stücke zum Tausch und Verkauf angefertigt. So konnte Handarbeit die Not der Familie in den ersten Jahren nach der Flucht etwas mildern.
Bei dem Workshop mit Gundel Hergenhan wurde es für alle ganz offensichtlich: Handarbeit ist weit mehr als nur Technik.
„Handarbeit macht Geschichte, Kultur und Kunst greifbar. Man lern Wertschätzung für die Zeit und die Materialien. Außerdem bietet es Möglichkeiten zur Begegnung und überbrückt Grenzen“ sagt Milas. Auch Dominika, Teilnehmerin aus Polen, betont die persönliche Bedeutung des Webens: „Es gibt mir Ruhe, erlaubt mir, langsamer zu werden und eine tiefere Verbindung zur Tradition zu spüren – und gleichzeitig etwas Einzigartiges zu erschaffen.“
Initiiert und umgesetzt wurde das Projekt von der Kulturreferentin für Pommern und Ostbrandenburg Dorota Makrutzki. Sie reagierte damit auf die anhaltende Unsichtbarkeit eines oft unterschätzten Kulturguts: handgefertigte Alltagstextilien. Denn während Möbel, Bilder und Bücher oft sorgsam bewahrt werden, sind es gerade Kleidungsstücke und Heimtextilien, die als erstes verschwinden – geplagt von Motten, Feuchtigkeit oder schwindender Wertschätzung.
Pauline Kudell begleitete das Projekt im Rahmen ihres wissenschaftlichen Volontariats am Pommerschen Landesmuseum. Sie hat die organisatorische Umsetzung unterstützt, war für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich und bereitete konzeptuell die Pop-up-Ausstellung vor. In ihrer Freizeit ist sie gerne kreativ. Doch für sie ist Handarbeit mehr als nur Freizeitgestaltung, sondern beinhaltet viele für die Gesellschaft wichtige Ebenen: Es entstehen nützliche und zugleich ästhetische Dinge für den Alltag, stärkt die mentale Gesundheit, drückt Individualität aus und kann ein ausdrucksstarkes Protest-Medium sein. „Ich habe den Workshop und dessen Vorbereitungen sehr genossen. Der Austausch mit Gundel und den Teilnehmenden über Handarbeit war sehr bereichernd und hat ein tolles Gemeinschaftsgefühl erzeugt.“
Der Arbeitskreis „Traditionelle Textilien“ im Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern sowie das Festival für Textilkunst in Stettin (Festiwal Tkaniny w Szczecinie) begleiteten das Projekt als engagierte Partner und stärkten durch ihre Mitwirkung die grenzüberschreitende Vernetzung im Bereich der Textilkunst. In einer lebendigen, offenen Atmosphäre des Austauschs entstanden neue Kontakte – und Ideen für künftige Kooperationen wurden gesponnen. Herzlichen Dank für die Unterstützung an Aleksandra Gisges Dalecka und Connie Wockensolle Müller-Gödecke.
Ermöglicht wurde das Projekt durch die Förderung des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.