Eine Stadtansicht, von erhöhtem Standpunkt gesehen: viele rote Hausdächer, zwei weiße Kirchtürme, im Hintergrund Meer.
Reval/Tallinn: links die Olaikirche, dank deren Höhe die Hansestadt schon von Weitem auf See zu erkennen war, rechts die Heilig-Geist-Kirche, in der der Stadtrat vor seinen Sitzungen im Rathaus zur Messe zusammenkam und in der ab Mitte des 16. Jahrhunderts die Predigten in estnischer Sprache gehalten wurden. Foto: © Deutsches Kulturforum östliches Europa

Der Seiltänzer: Das Leben des Balthasar Rüssow

Szenische Lesung zum Roman und über seinen Schöpfer, den estnischen Schriftsteller Jaan Kross

Eintritt: 3,50 Euro

Ein Pastor, der eine Chronik schreibt: Nicht wirklich ungewöhnlich, wie die Geschichte zeigt. Aber was hat dieser Pastor, Balthasar Rüssow aus Reval/Tallinn, mit Pommern zu tun?

Viel mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Denn ohne Pommern wäre sein Lebensweg so niemals möglich gewesen – und auch seine Chronik nie berühmt geworden. Denn als Rüssow vor fast 500 Jahren geboren wurde, hätte niemand es für denkbar gehalten, dass er, der Sohn eines estnischen Fuhrmanns einmal auf Augenhöhe mit den reichen deutschen Kaufleuten der alten Hansestadt sein würde. Möglich wurde dies, weil der aufgeweckte Junge nach Stettin geschickt wurde, um dort Theologie zu studieren. Und seine „Chronik der Provinz Lyffland“, durch die er sich den Zorn mancher mächtiger Zeitgenossen zuzog, die wurde zuerst in Rostock, dann in der zweiten Auflage 1584 in Barth gedruckt.

Das Leben des Balthasar Rüssow hat der estnische Jahrhundertautor Jaan Kross in der gleichnamigen Romanbiographie festgehalten. Wie seine Romanfigur Rüssow fühlte sich auch der Autor Jaan Kross selbst als Chronist seines Landes. Doch damit sind die Parallelen keineswegs erschöpft. Kross hat eine ähnlich bewegte Vita wie sein Protagonist: Geboren 1920 in Tallinn, schloss er sein Jurastudium an der Universität Dorpat/Tartu in den Kriegswirren ab, brachte ein Jahr in Gestapo-Haft und mehrere Jahre in sibirischer Verbannung zu, ließ sich 1954 in Tallinn als freier Autor und Übersetzer nieder. In den 1990er Jahren fiel sein Name immer wieder im Zusammenhang mit dem Literaturnobelpreis, doch erhalten hat er ihn nie. „Ich schreibe historische Romane, weil da die Geschichte schon die halbe Arbeit geleistet hat“, hatte Kross einmal seine Vorliebe für historische Themen zu erklären versucht. 2007 starb Kross in Tallinn – ein bedeutender europäischer Schriftsteller, ein Bewahrer estnischer Kultur und Sprache.

Wie in vielen von Kross' Romanen und Kurzgeschichten gehört auch Balthasar Rüssow zu den Schlüsselfiguren der Kulturgeschichte Estlands. Von den Ereignissen, Schicksalen und Problemen vor Jahrhunderten lassen sich Parallelen bis in die Gegenwart ziehen, und so erweisen sich seine Werke unerwartet als modern.

Katharina Groth und Wolfgang Wagner arbeiten seit über 30 Jahren als Schauspieler auf verschiedensten Bühnen, in Film und Fernsehen, außerdem als Synchron- und Hörspielsprecher für zahlreiche Projekte; sie leben als Schauspielerehepaar in Berlin. In ihrer Collage haben sie Passagen aus dem über 1000-seitigen Werk „Das Leben des Balthasar Rüssow“ so zusammengestellt, dass livländische bzw. estnische Verhältnisse in der vornationalen Zeit des 16. Jahrhunderts, in dem Rüssow lebte, aufscheinen, vor dem Hintergrund der ständischen Machtfülle der Deutschen, der verschiedenen Sprachen und Dialekte, der Bauernaufstände, des Mächtespiels von Russen, Schweden, Polen und anderen um das Gebiet und nicht zuletzt der immer wieder auftretenden Plage der Pest.

In Kooperation mit dem Deutschen Kulturforum östliches Europa

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