Aus dem Fundus der Puppendoktorin von Greifswald

Schildkröt-Puppe „Inge“ sitzt in einer Puppen-Sportkarre der ZEKIWA. Sie trägt ein geblümtes Kleidchen mit einer großen Schleife.
Schildkröt-Puppe „Inge“ in einer Puppen-Sportkarre der ZEKIWA

Wenn man Puppendoktorin hört, denken noch viele an ‘Frau Puppendoktor Pille mit der großen, klugen Brille‘ aus dem Abendgruß des DDR-Fernsehens. In vielen Orten gab es aber wirklich Puppendoktoren, die ein geachtetes Handwerk ausübten, so auch in Greifswald. Ganz im Sinne der heute so oft angestrebten Nachhaltigkeit reparierten sie Puppen aller Art, Teddys und andere Plüschtiere und brachten viele Kinderaugen wieder zum Strahlen.

Die Greifswalder Puppendoktorin hieß Gerda Baer und hatte ihre Werkstatt/Klinik von den 60er bis 80er Jahren in der Domstraße 42.
Zu ihrer Werkstatt kamen Patienten bekannter und weniger bekannten Firmen. Stücke aus ihrer eigenen Sammlung übergab ihre Tochter dem Pommerschen Landesmuseum. Zur Schenkung gehörten aber auch Wissensspiele, Baukästen und Kartenspiele.

Der VEB ZEKIWA (Zeitzer Kinderwagenindustrie) ging 1946 aus dem 1846 gegründeten Unternehmen des Stellmachers Ernst Albert Naether hervor. Durch seine Firma wurden Kinderwagen zum alltäglichen Gebrauchsgegenstand.
Zu DDR-Zeiten war der Betrieb die größte Kinder- und Puppenwagenfabrik Europas und bediente nicht nur die sozialistischen Länder, sondern durch Neckermann auch den übrigen Wirtschaftsraum. In ihrer Spitzenzeit fertigte er mit 2.200 Mitarbeitern jährlich 450.000 Kinder- und 160.000 Puppenwagen. Hergestellt wurden auch Reisebetten, Laufgitter, Hochstühle und Kinderautositze.

Schildkröt ist der weltweit älteste Puppenhersteller, der von 1896 bis heute Puppen unter diesem Warenzeichen produziert. Die Firma wurde 1873 von Friedrich Bensinger als „Rheinische Hartgummi-Waaren-Fabrik“ in Mannheim gegründet. 1896 wurden dort die ersten Puppen aus Zelluloid hergestellt. Zelluloid machte die Puppen leichter und unempfindlicher als solche mit Porzellanköpfen. 1914 gab es 6.000 Beschäftigte, davon 16 gelernte Friseurinnen, die den Puppen Haare einsetzten. Meistverkauftes Modell wurde die Puppe „Inge“.
Wegen seiner jüdischen Eigentümer wurde das Unternehmen von den Nazis arisiert (enteignet). Es überstand den Krieg und beschäftigte 1954 schon wieder 2.500 Angestellte, doch 1975 kam das wirtschaftliche ‚Aus‘. Unter neuen Eigentümern, aber alter Warenmarke hat Schildkröt seit 1993 seinen Sitz in Rauenstein bei Sonneberg und produziert jährlich ca. 50.000 Spielzeuge, zu je einem Drittel limitierte Repliken früherer Modelle, des Weiteren Spielpuppen und Plüschtiere sowie aufwändig gestaltete Künstlerpuppen.

Sonni Sonneberg. Sonneberg hat eine jahrhundertealte Tradition der Spielzeugproduktion. Schnitzer und Drechsler fertigten schon im 18. Jahrhundert in großem Stil Holzspielzeuge an. Bereits 1880 gab es dort 321 Spielzeugfirmen. Sonneberg wurde zur „Weltspielwarenstadt“, zu der selbst Aufkäufer aus den USA anreisten.
Die kriegsbedingte Rohstoffflaute konnte in den 50er Jahren langsam überwunden werden. Der staatliche Druck presste die gut 100 privaten kleinen Firmen ins Kombinat „Sonni“. Mitte der 80er Jahre hatte der VEB 27.000 Mitarbeiter und erwirtschaftete einen Umsatz von 110 Millionen DDR-Mark. Der Export ging in die ganze Welt via Neckermann und Quelle und erreichte 87 Prozent der Produktion. Täglich liefen bis zu 16.000 Puppen und Plüschtiere vom Band und spülten kräftig Devisen in die Staatskasse der DDR. Die Sonni GmbH Sonneberg setzt die Tradition der thüringischen Spielwarenherstellung fort. Der Erfolgsschlager in den 60er und 70er Jahren war eine Puppe, die man baden konnte. Sie durfte in keinem westdeutschen Haushalt fehlen.

Minerva. Bereits ab 1894 produzierte die Firma Buschow & Beck (gegründet 1890 in Reichenbach/Eulengebirge, heute Dzierżoniów/Polen) unter der Schutzmarke ‚Minerva‘ Puppen mit Blechköpfen. 1896 erfolgte der Umzug nach Nossen/Sachsen, wo sich das Unternehmen schnell vergrößerte. Die Blechköpfe wurden fortan mit einer Zelluloidschicht überzogen. Zunächst kaufte man das Zelluloid beim Monopolisten Schildkröt ein, ab 1903 wurde eine Eigenrezeptur für Zelluloid verwendet. Der Nossener Betrieb wurde zu einer ernsten Konkurrenz für Schildkröt. Er entwickelte oder erwarb mehrere Patente, so den „Emaillelack-Überzug für Puppenkörperteile aus Celluloid“, eine „Feststellvorrichtung für Schlafaugen“ und ein „Kugelgelenk, insbesondere für Celluloidpuppen“. 1920 waren bei Buschow & Beck 250 Angestellte tätig, dazu kamen 600 Heimarbeiter. Die Firma exportierte weltweit und erwarb zahlreiche Preise und Medaillen auf Ausstellungen und Fachmessen. Das Unternehmen überstand den Zweiten Weltkrieg und produzierte neben den Zelluloidpuppen Tischtennisbälle, Schwimmhilfen und Kleinspielzeug. Der staatliche Entprivatisierungsdruck und das Verbot des leicht brennbaren Zelluloids zur Spielwarenherstellung führten 1972 zur Aufgabe des Betriebes.

 

Text: Heiko Wartenberg
Online-Redaktion: Julia Kruse

 

Über die Rubrik: Neu im Museum
Unter dieser Rubrik stellt das Pommersche Landesmuseum regelmäßig neue Objekte vor: Leihgaben, Schenkungen oder Ankäufe aus den verschiedensten Bereichen der pommerschen Kultur, Kunst und Geschichte. Alle zwei Monate erwartet Sie hier ein neuer spannender Einblick in unsere Ausstellungen, Archive und Depots. Viel Spaß beim Lesen!

Das Caspar-David-Friedrich-Jubiläum ist ein großes Ereignis – und beansprucht alle verfügbaren Arbeitskräfte und Ausstellungsflächen. „Neu im Museum“ macht daher eine Pause. 2024 gibt es im Pommerschen Landesmuseum allerhand Neues rund um Caspar David Friedrich zu entdecken. Die Reihe „Neu im Museum“ wird zu gegebener Zeit fortgesetzt.

Einige Objekte aus dem Fundus sind vom 26.08.–12.11.2023 ausgestellt.

Am Sonntag, den 15. Oktober 2023 10–12 Uhr findet der Tag der Restaurierung statt:
Restaurieren, Reparieren, Reflektieren
Drei Experten geben Einblick in ihr Gebiet und stehen für Fragen zur Verfügung – darunter eine Puppendoktorin!

Die Greifswalder Puppendoktorin Gerda Baer bei der Arbeit: Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt an einem Tisch sitzend, mit einer Puppe und vielen Werkzeugen. Hinter ihr ein großes Regal mit vielen Puppenköpfen, Kartons, Flaschen.
Puppenklinik Gerda Baer, Greifswald, Domstr. 42, um 1960
Die Greifswalder Puppendoktorin Gerda Baer bei der Arbeit: Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt sie inmitten von Puppen, Puppenkörperteilen und Stofftieren.
Puppenklinik Gerda Baer, Greifswald, Domstr. 42, um 1970